Zuhause in fremden Küchen

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Siggi Stern bezeichnet sich selbst gerne als „Küchensänger und Wanderarbeiter“. Seit 2003 war er in etwa 100 Küchen zwischen Flensburg und Luzern mit seinem Programm „Zuhause in fremden Küchen“ zu Gast. Dabei spielt er seine eigenen Küchenlieder, liest Küchengeschichten und zeigt die bisherigen GastgeberInnen und ihre Küchen auf Dias. Meistens wird vorher zusammen gekocht und gegessen, und manchmal auch hinterher zusammen gesungen…

„Ich habe die Küchen nicht wirklich gezählt, aber seit Herbst 2003 müssen es über 100 gewesen sein, in denen ich mit meinen Küchenkonzerten zu Gast sein durfte. Damals hat das ganze so angefangen, dass ich viele alte Bekannte und Freunde wieder einmal besuchen, und gleichzeitig unterwegs auch Musik machen wollte. Viele meiner Küchenlieder gab es da schon, vor allem das für meine Freundin Frau Mayer, von der ich ja gerne und viel in den Küchen erzähle. Zum Beispiel die Geschichte, als ich 1996 die Vorband von „Krankheit der Jugend“ im Fischerhof in Bamberg war, und das Publikum an diesem Abend eigentlich nur aus der Frau Mayer bestand, die uns dann alle zu sich nach Hause in ihre Küche eingeladen hat, wo wir dann gehockt sind bis es draußen hell wurde und wir weiter mussten nach Berlin. Wenn man mit Leuten in ihrer Küche die Nacht durchmacht, kann das übrigens sehr verbindend sein und so bin ich etwas später dann nach Bamberg gezogen. Von da an saß ich sehr oft bei der Frau Mayer in der Küche und habe ihr meine neuen Lieder vorgespielt. Sie hat nebenbei Espresso gekocht und oft hat sie geseufzt nach den Liedern, das hieß dann bestanden, und ich durfte die Lieder auch außerhalb ihrer Küche singen. Irgendwann meinte sie dann, Du bist ja jetzt so oft bei mir, da kannst Du doch auch mal ein Lied über meine Küche schreiben. Das war dann eine richtige Auftragsarbeit, und wenn ich heute in Bamberg „In der Küche“ spiele, stehen alle knietief in Tränen. 1996, da tobte mit Dieter Thomas Kuhn und Gildo Horn gerade das Schlagerrevival durch Deutschland, und die Frau Mayer hat als Lola Blue im Palettenkleid in einer Nürnberger Großraumdiskothek auch schon mal Black Sabaths „Paranoid“ in der schönen Version von Cindy und Bert aufgelegt. Wir haben deshalb die ganze Nacht durch in ihrer Küche Schlager gehört, das muß man wissen für die zweite Strophe, in der es dann heißt: „Kommt und legt noch einmal die alten Schlager auf / Die sagen wirklich was man fühlt und denkt und darauf / Kommt es letztendlich doch an / Und wir glauben fest daran / Alles wird gut“.

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Küchenkonzert bei Yvonne, Nürnberg 2003: „Wer oder was ist Deine Küche?“

Viele meiner Lieder haben in den Küchen solche Geschichten bekommen, die ich dann weitererzähle und die irgendwann anfangen ein Eigenleben zu führen, so dass gar nicht klar ist, ob nun alles wirklich genau so passiert ist, oder vielleicht doch ganz anders. Eine dieser Geschichten ist die Geschichte, die ich gerne vor „Sturmholz“ erzähle. Als ich nämlich damals mit meiner Freundin Hanne im Bergell war, sind wir zu einem verlassenen italienischen Dorf in den Bergen gewandert, zu dem keine Straße führt, sondern nur eine Lebensmittelseilbahn. Wir haben in der alten Schule übernachtet, die mittlerweile ein Gasthaus ist, und waren insgesamt zu viert dort oben: Hanne, ich, der italienische Koch und der Hund. Den einzigen Satz, den der Koch auf Deutsch konnte, war übrigens wirklich „Immer geradeaus“. „Sturmholz“ hat eigentlich gar nicht soviel mit der Geschichte zu tun, außer dass ich es aus dem Bergell mitgebracht habe. Danach kommt oft direkt im Anschluß „Zirküssen“, weil mir jemand mal in einer Aschaffenburger Küche gesagt hat, ich soll doch mehr von meinen funky Sachen spielen.

Die Frau Mayer war übrigens nicht zufällig auf dem Konzert. Denn ursprünglich kommt sie aus Flein bei Heilbronn, und nur um die Ecke davon liegt Bad Wimpfen, woher die bereits erwähnten „Krankheit der Jugend“ stammen. Bei Conny, einer langjährigen Freundin der Band, habe ich dann 2003 auch im benachbarten Kleingartach gespielt, und mit mir am Küchentisch saß Bernhard. Der fragte mich nach dem Konzert, ob er mich denn malen dürfte. Und so kam es dazu, dass er einige Monate später, mit einer weißen Leinwand und seinen Farben bei mir im Flur hockte und mich an meinem roten Küchentisch malte. Währenddessen habe ich ihm drei Stunden lang vorgesungen, und bis heute ist nicht wirklich geklärt, welches Lied denn nun auf dem Bild ist. Es heißt jedenfalls „Ein Lied für Siggi Stern“, und Bernhard hat es später dann auch verkauft. Jetzt hänge ich bei jemand anderem rum, und vielleicht kriegen die auch mal ein Küchenkonzert, und dann schließt sich ein weiterer der vielen Küchenkreise. Für eine Ausstellung habe ich Bernhard dann später „unser“ Bild gesungen, vor allem das was nicht draufgepasst hat, das man aber sieht, wenn man ganz genau hinguckt. Oder hinhört. „Links von mir bleibt noch frei dafür / Rechts von Dir zum Treppenhaus die Tür / Und dazwischen in Kubik / So viel Luft, die sich schiebt / für mich mit jedem Stück / Das im Flur mit Dir vermengt / Aus dem Rahmen sich sprengt / Durch die Küche und zurück“. Heute noch habe ich einen roten Eitemperafleck an der Wand, und kann sagen, schau, ein echter Karlowitz.

Im Frühjahr 2005 bin ich dann nach Finnland gefahren bin, um dort meine Freundin Aune zu besuchen. Schon vorher hat sie mir erzählt, dass an ihrer Schule ein Schweizer studiert, der mit seiner Band zuhause Stubenkonzerte gibt. Als ich schließlich da war in Nykarleby, haben der Luzi und ich in Aunes Appartement, in dem Wohnzimmer und Küche ineinander übergehen, vor 30 Finnen ein Sofakonzert gegeben, auf Deutsch bzw. Züritütsch, bei dem auch unsere „zweisprachige“ Version von „Rosenstockbaby“ entstanden ist. Diese sollten wir danach noch einige Male gemeinsam singen, beispielsweise beim Abschiedskonzert seiner Band „Mein kleines Poni an der Sonne“ in der Metzgerhalle Luzern.

Ein Jahr später war ich über Pfingsten zum 1. Deutschen Kulturfestival ins sibirische Tjumen eingeladen, und bei dem Festivalmotto „Jetzt geht’s um die Wurst“, lag es förmlich auf dem Herd, dort ebenfalls Küchenkonzerte zu geben. Für die Gäste von Familie Frank habe ich dann nicht nur gesungen sondern auch gleich Mamas „Fränkische Grünkernsuppe“ gekocht, die nach unserer Rückkehr in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung irrtümlicherweise als „grässliche Grünkernsuppe“ auf den Tisch kam. Frau Frank steuerte ihren berühmten Fischkuchen bei, und nach dem gemeinsamen Essen hat Sergey meine Ansagen ins Russische übersetzt. Musikalische Unterstützung erhielt ich von der Tjumener Band „Koffein“, die auf ihren Verstärkern sitzend, die Küche rockte, während draußen bei 37 Grad plus die Stadt vor sich hin schwitzte und auf den Straßen immer noch keine Bären zu sehen waren. Unsere multikulinarischen Erlebnisse habe ich neulich in Rezeptform gebracht und auf die „Hildesheimer Schlachteplatte“ gesungen: „Und von zuhause Grünkernschrot / Als Suppe auf dem Tisch / Passt nun wirklich nur bedingt / Zum Blechkuchen mit Fisch / Doch hinterher ein Wodka drauf / Dann stimmt’s mit einem Mal / Egal wie weit der Baikalsee / Vergessen ist der Ural“.

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Küchenkonzert bei Denis, Tjumen 2006, Grünkernsuppe und Fischkuchen…

Es gäbe noch viel zu erzählen von den Küchen und ihren Menschen. Von Dirk zum Beispiel, der vom Spessart aus seine „Knödeloffensive“ vorantreibt und mit einer mobilen Küche auf Motorradrennen in ganz Europa kocht. Von Johannes, der in seiner Kreuzberger Dachwohnung Wasser in die Dusche gelassen hat, um das Bier zu kühlen, und der am nächsten Tag überall im Haus Heizlüfter aufstellen musste, weil er vergessen hat, sie wieder abzudrehen. Oder von Heidrun, bei der der ganze Kirchenchor mitsamt Pfarrer in die Küche eingeladen war, und deren Freundin Gerlinde ein extra Kochbuch für Fans von Oldtimer-Traktoren herausgegeben hat. Egal ob groß oder klein, ob elektrisch oder Gas, eines steht doch mit Sicherheit fest: Die Küche macht die Musik.“

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